Wochenprojekt der 8. Klassen der Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer vom 26.09. bis zum 30.09.2022

Die Autorin Nadia Terranova aus Italien und Isabelle Lehn aus Deutschland zu Gast

Diesen Taxt hatte Nadia Terranova für die Schülerinnen und Schüler zum Weiterschreiben mitgebracht: Übesetzerin: Annettte Schiller

 

Annas Geschichte

 

Stellt Euch die Spitze eines Stiefels vor, und dann die Spitze eines Dreiecks. Stellt Euch vor, dass sich diese beiden Punkte ansehen, oder besser: sie  beschnuppern sich. Sie streifen sich fast, aber berühren sich nie. Stellt Euch diese beiden Landstriche vor, die so nahe beieinander liegen, dass die Bewohner der einen Küste bei gutem Wetter die Autos auf den Straßen der gegenüberliegenden Küste vorbeisausen sehen können. Zwei einander gegenüberliegende Landstriche, vereint im schlimmsten Schicksal, wie dem schrecklichen Erdbeben von 1908, das sie beide zerstörte, aber auch vereint an hellen Tagen, wenn alles schön und strahlend ist.

Genau dort bin ich geboren. Unmittelbar am Meer zwischen Messina und Reggio Calabria, zwischen Sizilien und Italien, zwischen der Insel und dem Festland. Ich bin auf der Insel geboren, aber als ich aufgewachsen bin, habe ich gemerkt, dass das gar nicht so wichtig ist: Man kann die Meerenge in die eine oder andere Richtung überqueren, ihre Bedeutung liegt im Hin- und Herpendeln zwischen den beiden Küsten. Die Meerenge ist wie ein Palindrom, das in die eine oder andere Richtung gelesen werden kann, und meine Freundin Anna, mit einem Namen wie ein Palindrom, ist ein Sinnbild dafür. Sie ist in Reggio Calabria geboren, dreieinhalb Kilometer Meer trennten sie von Messina, und als Kind lebte sie in einem Haus von dessen Terrasse man zum Hafen, zur Meerenge schauen konnte. Als Kind und Jugendliche schrieb sie Kurzgeschichten in ihre Schulhefte, ging nur selten raus, erzählte nie von der Wirklichkeit, sondern aus ihrer Fantasie heraus. Dann, eines Tages, sie war noch sehr jung, wurde sie Journalistin bei einer Tageszeitung, deren Sitz sich an der gegenüberliegenden Küste befand. Ihr Traum, vom Schreiben zu leben, würde in Erfüllung gehen können, aber nur unter zwei Bedingungen: sich nichts mehr ausdenken, sondern berichten, was sie sah, und nach Messina ziehen.

Ich will Euch die Geschichte von Anna erzählen, die in meine Stadt gezogen ist, und es ist - nur im Nachhinein – auch meine Geschichte, denn alle Geschichten sind Freundschaftsgeschichten.

Und hier ist der Text, welchen Isabelle Lehn zum Fortschreiben mitgebracht hat:

Mein(e) liebe(r) XY,

es wird Dich überraschen, dass ich Dir heute schreibe. Schließlich bekommt Du nicht jeden Tag Post von Deinem zwanzig Jahre älteren Ich. Aber heute ist so ein Tag. Ich schreibe Dir aus dem Jahr 2042, wie Du Dir leicht ausrechnen kannst, denn ich habe diesen Brief ins Jahr 2022 adressiert. Hoffentlich erreicht er Dich dort (Zustellungsfehler sind inzwischen selten geworden; meistens liegt es an Zahlendrehern. Auch deshalb habe ich das Jahr *22 gewählt).

Damit Du mir glaubst, dass dieser Brief tatsächlich aus Deiner Zukunft abgeschickt ist, guck Dir das digitale Siegel an, das in den Umschlag programmiert ist. So etwas gab es 2022 noch nicht. Auch Zeitbrücken kannst Du jetzt noch nicht kennen. Sie werden erst im Jahr 2031 entdeckt. Für uns ist es inzwischen völlig normal, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu springen. Fast alle, die ich kenne, schreiben Briefe an ihr jüngeres Ich, um sich vor Fehlern zu warnen oder sich selbst ein paar Tipps mit auf den Weg zu geben. Andere besuchen sich selbst in der Zukunft, wenn sie schon alt sind, um sich dann nicht einsam zu fühlen. Reisen in die Zukunft funktionieren schon ganz gut. Man kann von ihnen einiges lernen. Reisen zurück allerdings sind immer noch schwierig – euch fehlt einfach die nötige Technik.

Also schreiben wir Briefe. Die kommen an. Auch wenn Briefe, die zurück in die Zeit geschickt werden, so ziemlich das Einzige sind, was wir noch mit der Hand schreiben, seit sich Gedanken elektromagnetisch in Schrift umwandeln lassen. Du kannst quasi in Echtzeit auf einem Bildschirm mitlesen, was du gerade gedacht hast. Wie soll ich Dir das erklären? Als eine Art mentale Bluetoothschnittstelle? Stell Dir einfach vor, Du müsstest jemandem aus dem Jahr 1992 beibringen, was das Internet ist. Dann bekommst Du eine Vorstellung davon, wie viel sich verändern wird.

Das meiste kommt jedenfalls anders, als Du es Dir ausmalen kannst. Aber ich glaube, dass Du trotzdem ganz zufrieden sein würdest, wenn Du wüsstest, was ich aus Dir gemacht habe. Also Du aus Dir, wir aus uns – na, du weißt schon. Bevor ich allerdings anfangen darf, Dich in Deine Zukunft blicken zu lassen, bin ich gesetzlich dazu verpflichtet, diesen Warnhinweis einzufügen:

Achtung! Wenn Du liest, was unterhalb der schwarzen Linie steht, ist Deine Zukunft nicht mehr sicher. Dann kann alles passieren, denn wer seine Zukunft kennt, ist jederzeit in der Lage, sie zu verändern – egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Falls Du das nicht möchtest, steck den Brief zurück in den Umschlag und drücke drei Sekunden lang auf das Siegel. Dann zerstören diese Zeilen sich von selbst.

_____________________Warnhinweis: Deine Zukunft beginnt jetzt!_________________________

Am Montag und Dienstag hatten die Schülerinnen und Schüler in den Schreibwerkstätten Zeit, den Text fortzuschreiben. Einige dieser Texte wurden am Dienstag in einer Lesung dann vorgetragen. Hier folgen einige Bilder aus der Lesung:

 
 
 

Nach der Arbeit in der Schreibwerkstatt ging es in den verschiedenen künstlerischen Werkstätten um eine Illustration der entstandenen Texte:

Insgesamt wurde in 7 Werkstätten gearbeitet:

Werkstatt Malerei

Werkstattleitung: Emanuel Schulze - Künstler aus Halle

In der Malwerkstatt entstanden teils großformatige Malereien, aber auch kleine szenische Objekte und Illustrationen zu den Texten.

 
 

Ergebnisse aus der Werkstatt Malerei

Werkstatt Buchkunst

Anleitung: Sophie Mildner - Buchkünstlerin aus Halle

Unter der Anleitung von Sophie Mildner entstanden illustrierte Bücher zu den geschriebenen Geschichten.

 

Ergebnisse aus der Werkstatt Buchkunst

Werkstatt Plakat

Anleitung Jenny Rempel - Künstlerin aus Halle

Unter Anleitung von Jenny Rempel fertihgten die Jugendlichen Kartonschablonen, mit denen vor allem gedruckt wurde. Mit diesen Drucken ging es an die Gestaltung von Plakaten und Illustrationen der geschriebenen Texte. Am Ende entstand unter anderem ein großes Gemeinschaftsbild.

 

Ergebnisse aus der Plakatwerkstatt

Werkstatt Grafik

Projektleitung: Sven Großkreutz - Maler aund Grafiker aus Halle

In dieser Werkstatt entstanden vor allem grafische und malerische Illustrationen zur italienischen Geschichte. Die fertigen Blätter wurden in Büchern vereint.

Ergebnisse der Grafikwerkstatt

 
 

Werkstatt Textiles Gestalten

Werkstattleitung: Birgit Domke - Textilgestalterin aus Halle

Mit textilen Techniken gestalten die Jugendlichen in dieser Werkstatt Illustrationen auf Stoffen: Sticken, Applikationen, Nähen

 

Ergebnisse aus der Textilwerkstatt

 
 

Werkstatt Plastisches Gestalten

Anleitung: Manuela Homm - Künstlerin aus Halle

In dieser Werkstatt entstanden Objekte, welche die Geschichten dreidimensional illustrieren.

Ergebnisse aus der plastischen Werkstatt

 
 

Trickfilmwerkstatt

Diese Werkstatt wurde angeleitet durch den Filmemacher Olaf Ulbricht aus Halle.

Der Text von Isabelle Lehn wurde in einem kleinen Trickfilm umgesetzt. Das ganze war sehr aufwändig. Die Zeit war extrem knapp, aber das Ergebnis kann sich trotz allem sehen lassen.

Präsentation der Ergebnisse am Freitag

Am Freitag wurde alle entstandenen Ergebnisse auf dem Flur der Werkstätten ausgestellt. Es war eine beeindruckende Ausstellung, welche noch einige Zeit in unserem Haus zu sehen sein wird.